Kunst statt Cordon Bleus

Der Bierfalken ist Geschichte, das Haus wird abergerissen. Davor lassen es Künstler nochmals hochleben. Das letzte Cordon Bleu ist gegessen, der Bierfalken geschlossen. Seit Ende März – und die übrigen Mieter sind kürzlich auch ausgezogen. Das alte Haus an der Löwenstrasse wird abgerissen, und blüht doch nochmals auf – wie eine Wüstenpflanze nach dem Regen. Sollbruchstelle nennen Nikkol Rot und Jenja Roman Doerig ihr Kunstprojekt, das «den kritischen Übergang von einem Altbau zu einem Neubau erfahrbar macht.». So schreiben sie auf der Homepage. Das den Altbau wertschätzen wolle, so formuliert es Fotografin Rot – in der Gaststube, die obwohl halbleer noch immer etwas vom Geist des Interieurs aus der Landi-Zeit ausstrahlt. Kelleransichten

Elf Künstler und Künstlerinnen hat das Duo Rot Doerig eingeladen, um die Räume an dieser Schnittstelle zwischen Alt und Neu zu bespielen. Mit Werken, die nur kurz zu sehen sind, um danach mit dem Gebäude zu verschwinden. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Bierfalken-Hauses sei dabei ein Wunsch gewesen, aber keine Pflicht. Und beim Wunsch ist es, so das Fazit eines kurzen Durchganges, geblieben. Wenn man in der Küche im Keller den Anruf einer der entführten Cleveland-Frauen hört, mag das gruselig wirken und an Shining erinnern, aber nicht ans Fleisch, dass hier für die stadtbekannten Cordon Bleus gelagert wurde. Und schmückt einer der Künstler, die Treppenwände mit kleinen Fotos, hat das wohl viel mit Bilderflut und ihm selber zu tun – der Maori Baum etwa, an dem er sich offenbar erleichtern wollte und sich dann nicht getraute – aber wenig mit der Geschichte des Hauses. Ein Schuss Ortsmuseum

So bleibt die Auseinandersetzung mit dem konkreten Abbruch meist auf einer abstrakten Ebene. Greifbarer wird er, wenn Wände durchbrochen, Räume verrückt oder mit Wandfoto eindrücklich verlängert werden. Und spürbar wird er, wenn zu Marschmusik, die sofort Bierfalken-Assoziationen lostritt, gebastelte Kleinkarren Schnappsfläschen durch ein Video kutschieren. Nur wurden diese Bilder bereits 2009 gedreht, also lange bevor die Neupläne überhaupt feststanden. Fast am Konkretesten ist deshalb der Raum, in dem die Architekten ihren Neubau inszenieren. Einen Schuss mehr Ortsmuseum in der Kunst wäre interessant und weniger austauschbar gewesen. Doch dem stand auch die Zeit entgegen, welche zur Verfügung stand. Denn erstens finden sich in Zürich Häuser kurz vor Rückbau nicht so leicht. Und zweitens prüfen Immobilienfirmen sehr genau, was und wer hinter einer Idee steckt, von der sie noch nie etwas gehört haben. Diese allerdings hat etwas Bestechendes. Eben, weil die Kunst gleich mit dem Haus wieder abgerissen wird. Und, weil es grundsätzlich eindrücklich ist, wenn Ordnung, für die Häuser ja auch stehen, auf den Kopf gestellt wird.

Der Bierfalken ist zudem geworden, was das Nagelhaus nach dem Nein an der Urne nicht werden konnte – zu einer begehbaren sozialen Skulptur. Eine mit Ablaufdatum. Denn bereits am Samstag, drei Tage nach der Vernissage wird er wieder schliessen. Diesmal für immer. Die Idee aber könnte Schule machen, als weitere, kurzfristige Variante von möglichen Zwischennutzungen.